Aus der aktuellen RUNNER'S WORLD (April 2014):
Mein erstes Mal - "Nur was für Bekloppte?"

LG Mitglied Oliver Kaiser berichtet in der April-Ausabe 2014 der Fachzeitschrift RUNNER'S WORLD in der Rubrik "Mein erstes Mal" über seinen ersten Hermannslauf. Mit freundlicher Genehmigung des Chefredakteurs dürfen wir den Artikel auf unserer Homepage parallel veröffentlichen.

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Angetrieben von zwei Arbeitskolleginnen wandelte sich unser Leser Oliver Kaiser innerhalb eines Jahres vom Sportverweigerer zum Finisher des Hermannslaufs. Nun kann er vom Laufen gar nicht mehr genug kriegen.

3:46 Stunden und 31,1 Kilometer lagen hinter mir. "Was soll das für eine Distanz sein?", werden sich viele fragen - bis auf Läufer aus Ostwestfalen. Die werden wissen, dass es sich nur um "ihren" Lauf vom Hermannsdenkmal in Detmold zur Sparrenburg in Bielefeld drehen kann, den Hermannslauf. "Das ist doch was für Bekloppte", dachte ich immer, wenn ich davon hörte. Warum laufen, wo es doch Autos gibt? Und dann auch 31,1 Kilometer weit! Solche Entfernungen lösten bei mir schon schwierige Entscheidungsprozesse aus, wenn es darum ging, sie mit dem Auto zurückzulegen. Als extremer Sportverweigerer wäre ich nie auf die Idee gekomme, sie zu Fuß zu bewältigen. Doch das änderte sich, als zwei meiner Kolleginnen der LG Oerlinghausen beitraten. Dort wird jedes Jahr ein Zwölf-Wochen-Kurs angeboten, in dem man lernt, eine Stunde am Stück zu laufen. Nachdem die beiden mich lange genug mit Sprüchen wie "faul" oder "Das schaffst du auch!" genervt hatten, beschloss ich, auch am Lauftraining teilzunehmen. So ging es, mit anfänglichen Gehpausen, die von Woche zu Woche kürzer wurden, langsam Richtung Stundenlauf. Im Nu hatte ich ganz vergessen, mit dem Laufen aufzuhören - und bekam die erste Sporturkunde meines Lebens: das Stundenlaufabzeichen. Nicht schlecht für einen, der bei Mannschaftssportarten in der Schule immer als Letzter gewählt wurde! Schade, dass ich mir das Studenlaufabzeichen nicht an die Laufhose nähen kann wie das "Seepferdchen" an den Badeanzug meiner Tochter - nicht mit fast 42 Jahren.

Nach einigen Wettkämpfen über 10 Kilometer beschloss ich: Beim nächsten Hermannslauf bin ich dabei! Ein paar Wochen später fiel mir auf, dass ich mehr Geld für Laufsachen als für Straßenkleidung ausgab, obwohl ich dringend neue Klamotten gebraucht hätte. Acht Kilo hatte ich in der Zeit verloren. Nach dem Winter, in dem wir sogar bei minus zwölf Grad liefen, versuchte ich mich mal beim Halbmarathon in Celle und lief dort eine Zeit von 1:59 Stunden. Danach stand für mich endgültig fest: Hermann, ich komme!
 So ging das Training immer weiter und ich gelangte zugegegebenermaßen recht oft an meine Grenzen. Zwischenzeitlich kamen bei mir auch immer wieder Bedenken auf, ob ich beim Hermannslauf überhaupt ins Ziel kommen würde. Doch am 28.04.2013 war es dann so weit: Ich stand am Start des legendären Rennens. Nichts hatte das verhindern können. Ich war dort ja schließlich mit rund 8000 Laufkollegen verabredet - und Verabrdungen hält man ein. Um 11:15 Uhr startete mein Block und es gab nun kein Zurück mehr, denn irgendwie musste ich ja wieder nach Hause kommen. Außerdem warteten meine Kinder, meine Frau und meine Schwiegerfamilie am Streckenrand, um mich anzufeuern.

NAME
Oliver Kaiser, 41

BERUF
Koch

WOHNORT
Oerlinghausen

DAS ERLEBNIS
Hermannslauf

Mit über 7000 Teilnehmern im Jahr 2013 zählt der Hermannslauf zu den größten Laufveranstaltungen in Deutschland. Seit über 40 Jahren führt der Landschaftslauf über 31,1 Kilometer und 500 Höhenmeter vom Hermannsdenkmal in Detmold zur Sparrenburg in Bielefeld.

WEITERE INFOS
www.hermannslauf.de

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Ein gutes Team: Oliver Kaiser mit Pacemakerin Mareike, die ihm über die 31,1 Kilometer half.
"Ich bekam die erste Sporturkunde meines Lebens - nicht schlecht für einen, der im Schulsport immer eine Niete war"


Das Wetter war mir persönlich zwar etwas zu warm, doch das sollte keine Ausrede sein. Die Organisation und die Begeiserung unter Zuschauern und Helfern waren einfach nur genial. Als ich meine Heimatstadt Oerlinghausen passierte, wurden ich und die anderen Läufer von vielen Hunderten Fans empfangen, die uns mit ihrer Stimmung durch den Ort trugen. Bis Kilometer Kilometer 25 ging alles glatt. Ich lag auf 3:30-Stunden-Kurs. Doch dann bekam ich Wadenkrämpfe. "Einfach wegdrücken", lautete der Tipp von mitlaufenden Kollegen. Aber wie macht man das? Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie einen Krampf gehabt. Also, Zähne zusammenbeißen und weiter Richtung Ziel schleppen!

 Bei Kilometer 28 an der Habichtshöhe warteten die Kinder. Ich verfiel in einen langsamen Trab, um gut auszusehen - die Schwiegereltern waren schließlich auch da. Kaum außer Sichtweite, fing ich an zu gehen - bis 1000 Meter vor dem Ziel. "Wenigstens laufend ankommen", ging es mir durch den Kopf. Also setzte ich mich wieder in Bewegung. Und tatsächlich: Nach 3:46:02 Stunden berührten meine Füße die Zielmatte. Mir schossen sofort Tränen in die Augen. Ich hatte es geschafft. In nur einem Jahr vom Antisportler zum Hermannsläufer - das ist fast, als würde man aus Reiner Calmund einen Balletttänzer machen, wie ein Freund kürzlich sagte. (RW)